Wahn bekommt teuflische Methode
Eine Rede von Bernd Benicke, gehalten am 15.09.10 zum 75. Jahrestag der Nürnberger Gesetze

Gliederung des Vortrags:

1. Erklärungsversuche für Antisemitismus
2. Schicksalsjahr 1879
3. Faktoren und Entwicklung der "Bewegung"
4. Akzentuierung des Antisemitismus durch Rassentheorien und Zionismus
5. Religion als alles entscheidender Faktor

Sehr verehrte, liebe Frau Oksman, sehr verehrter Herr Hamburger, sehr verehrter Herr Ceslanski, sehr verehrter Herr Oberkantor Grabowski mit Frau, liebe Freunde aus der Israelitischen Kultusgemeinde und dem Arbeitskreis "Suchet der Stadt Bestes", meine sehr verehrten Damen und Herren!

1. Erklärungsversuche für Antisemitismus
Zur Erklärung antisemitischer Ausschreitungen werden wirtschaftliche, soziale, psychoanalytische und auch religiöse Untersuchungen – seit den Nürnberger Gesetzen auch juristische - herangezogen. Mit dem bisher schrecklichsten aller Schrecken des Antisemitismus, der Shoa, im Hintergrund, wird versucht, zu verstehen, zu erklären, nachzuvollziehen, wie es zu dieser der Menschenwürde am tiefsten widersprechenden aller bisherigen menschlichen Katastrophen kommen konnte.  
Unvorstellbares Leid schreit nach einfachen Erklärungen. Platt formuliert lautet das so:

  • Die Juden waren wirtschaftlich mächtig und reich, darum hat man sie aus Neid und Habgier umgebracht, wirtschaftliche Erklärung!
  • Die Juden waren eine selbstbewusste soziale Minderheit und mussten so natürlicherweise als Sündenböcke herhalten in Zeiten zusammenbrechender, sich auflösender traditioneller Ordnungen und politischer Umbrüche, die soziale Erklärung!
  • Die Juden waren eine erfolgreiche, exklusive, international vernetzte Elite-Gemeinschaft. Das löste Angst-Komplexe aus. Bieten sich Gelegenheiten für die Mehrheit, diese Minderheit auszuschalten, dann werden ihre Unterlegenheits-Komplexe und Angstphantasien zu Mord-Rechtfertigungen, die psychoanalytische Erklärung.
  • Die Juden haben "unseren Messias JESUS von Nazareth" abgelehnt – so die landläufige christliche Überzeugung - und dadurch g’ttlichen Fluch auf sich geladen und sind seitdem "unstet und flüchtig". Vertreibung und Repressionen erscheinen so g’ttlich "gerechtfertigt" und können mit gutem Gewissen "durchgezogen" werden, die religiöse Erklärung

Aber alle diese Erklärungen behandeln nur Einzelaspekte. Das Gesamt-Phänomen "Shoa-Vernichtungskatastrophe" kann so nur partiell erfasst werden. Das Buch des Historikers Jacob Katz, geb. 1904, emeritierter Professor für jüdische Sozialgeschichte an der Hebrew University in Jerusalem und Präsident des Leo-Baeck-Instituts, bringt einen überraschend neuen Gedanken. Sein Buch heißt "Vom Vorurteil bis zur Vernichtung", der Antisemitismus 1700-1933. Katz verbindet zur Erklärung der Shoa die Ideengeschichte mit der Sozialgeschichte.

2. Schicksalsjahr 1879
Er erkennt (S.253) das Jahr 1879 als Wendepunkt in der jüdischen Geschichte unserer Zeit und stellt fest: Jetzt beginnt der moderne Antisemitismus. In dieses Jahr 1879 fällt erstens das Auftreten des Berliner Hofpredigers Adolf Stoecker, eines antijüdischen Agitatoren; und zweitens "…die Veröffentlichung einer zumeist von Vorurteilen geprägten Analyse des jüdischen Problems durch den bekannten Historiker und liberalen Politiker Heinrich von Treitschke in den geachteten Preußischen Jahrbüchern. Diese beiden Ereignisse im September und November jenes Jahres (1879) erstaunten die Öffentlichkeit und riefen weit verbreitete antijüdische Aktivitäten hervor. Die Zeitgenossen bezeichneten die Folgen dieser Ereignisse als das Aufkommen einer ‚Bewegung. Die von Adolf Stoecker geführten politischen und sozialen Aktivitäten der folgenden Jahre hießen ‚ Berliner Bewegung‘, und das Wort Bewegung wurde ganz allgemein für die Unternehmung antijüdischer Gruppen verwendet." (Hervorhebungen von mir)
Bevor wir auf den Begriff "Bewegung" näher eingehen, sei der historische Moment für das Entstehen dieser Bewegung genau festgehalten: Die Feindseligkeit gegenüber den Juden nahm gerade zu einem Zeitpunkt zu, als man mit moderner Rationalität und revolutionärer Gleichheitsbestrebungen für alle Menschen in Europa die Staaten neu ordnete. Eigentlich hätte man erwarten können, dass damit der Antisemitismus verschwände. "Die religiös begründeten Konflikte mit der jüdischen Minderheit in Deutschland blieben (aber) nicht nur erhalten, im 19. Jahrhundert schlugen sie in den Haß auf den jüdischen Charakter selbst um – der Grund für die grauenvolle Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus." (Rückwärtiger Umschlag zum Buch von Jacob Katz). Gegen den Geist der Französischen Revolution mit ihren bekannten Schlagwörtern "liberté – Freiheit; egalité – Gleichheit; fraternité - Brüderlichkeit" konnte nur ein neuer Geist ankämpfen und eine Bewegung auslösen – so war die Grundstimmung. Aber diese Bewegung musste als eine "Lawinen-Bewegung" ins Rollen gebracht werden. 
Der Grund für die antisemitische Bewegung scheint uralt zu sein, irgendwo im Dunkel der Heidenwelt, des "Germanentums", des "Christentums", zu liegen. Aber es müssen Faktoren hinzukommen, diese Bewegung reüssieren zu lassen: Einen oder mehrere Agitatoren mit massenpsychologischer Begabung - eine gesellschafts-politische, wirtschaftliche Krise – eine Ideologie, Weltanschauung, Philosophie, Religion oder alles zusammen als Erklärungs- und Deutungssystem – parteipolitische Umsetz-Programme, denen politisch alles aufsaugende, weil rat- und kraftlos leergewordene Machtstrukturen offenstehen.

3. Faktoren und Entwicklung der "Bewegung" 
Wie lief das nach 1879 ab?

3.1 Die antisemitische Bewegung der Neuzeit konnte sich katapultieren lassen von dem Jahr des großen Bankrotts in der europäischen, besonders der deutschen Geschichte, dem Jahr 1873. Nach Jahren außergewöhnlichen wirtschaftlichen Wachstums kamen die Bismarckjahre der großen Depression. Deutsche Juden waren Teil des großen wirtschaftlichen Desasters als Wirtschaftsfaktoren oder als Vertreter des liberalen Wirtschaftssystems. Die alten Theorien hatten sich blamiert, die Zeit für neue, radikale Theorien war da. 
(Karl Marx hatte gezeigt, dass die soziale Problematik, die Verarmung und Verelendung der Massen im Kapitalismus, das drängendste Problem der Bevölkerungsmehrheit zu dieser Zeit war. Johann Hinrich Wichern versuchte in der Ev. Kirche ein Herz für die Diakonie zu erwecken, aber auf wirklich breiter Basis kümmerte sich die Kirche um die Benachteiligten, die Armen, die Arbeiterbevölkerung nicht nachhaltig.)

3.2 Und dann wurde im Februar 1879 der erste antisemitische Bestseller veröffentlicht: Wilhelm Marr "Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum". Vom Februar bis zum Herbst 1879 erlebte die Schrift 12 Auflagen, erschienen in Bern!!! Die grundlegende These dieses Buches ist: Die jüdische Herrschaft über Deutschland ist keine zukünftige Gefahr mehr, sondern schon eine gegenwärtige Tatsache. Juden hätten bereits ihr ewiges Ziel erreicht; sie hätten Deutschland schon erobert, und zwar mit Hilfe der Deutschen selbst. Zitat: "Ihr wählt die Fremdherrschaften in Eure Parlamente, Ihr macht sie zu Gesetzgebern und Richtern, Ihr macht sie zu Diktatoren der Staatsfinanzsysteme, Ihr habt Ihnen die Presse überantwortet…was wollt Ihr denn eigentlich? Das jüdische Volk wuchert mit seinen Talenten und ihr seid geschlagen, wie das ganz in der Ordnung ist und wie Ihr es tausendfach verdient habt." (Vgl. Jacob Katz S.207f.) Demagogisch zugespitzt, direkte Anrede, schwarz-weiß in der Schuldzuweisung, beißend ironisch. Der Antisemitismus hatte sein eigenes öffentliches Sprachrohr gefunden. Er war aus verklausolierten, versteckten, versprengten, nebulösen Aggressions-Äußerungen zur Schlagzeile, zum Titel und - darauf aufbauend - zur Methode geworden. Die Schlacht um die öffentliche Meinung der Bevölkerungsmehrheit in Deutschland war angetönt, von nun an auf der Tagesordnung! (Vgl. Jacob Katz S.207f.) Eine eigene antisemitische Zeitschrift kam im Oktober 1879 dazu, die "Deutsche Wache". Auch ein Verein mit dem Namen "Antijüdischer (später: antisemitischer) Verein" wurde gegründet, in dessen Statuten als Ziel formuliert ist: "Alle nichtjüdischen Deutschen aller Bekenntnisse, aller Parteien, aller Stellungen zu einer gemeinsamen, engen Vereinigung zu bringen, die nach einem Ziele streben wird…das deutsche Vaterland vor der vollständigen Verjudung zu bewahren." (Jacob Katz S.268) Alles Übel der Gesellschaft wird nun klar und unmissverständlich den Juden zugeschrieben. Es war eine Bewegung losgetreten, die nach Macht strebte, ihre Verankerung aber in der Masse absicherte.

3.3 Man ist erstaunt, wie primitiv jetzt die Slogans, die verführerischen Formeln der Antisemiten werden. Dadurch will man möglichst breit die Netze auswerfen und alles Mögliche auffischen. 
Hier zwei schockierend-privmitive Beispiele:

  • Otto Glagau stellte klipp und klar: "Die soziale Frage ist einfach die Judenfrage." Das meint: Die Juden sind an der Verelendung der Arbeiterklasse schuld.
  • Der Historiker und Publizist Heinrich von Treitschke in den Preußischen Jahrbüchern und im folgenden Jahr in seiner Broschüre wiederholt: "Die Juden sind unser Unglück!" Damit kann man den Juden jedes Unglück anlasten. Treitschke bewirkte, den Antisemitismus in akademischen und intellektuellen Kreisen respektabel zu machen. Das Hetzblatt Julius Streichers, "Der Stürmer", zitierte diesen Slogan unten auf jeder Seite in fetten Lettern.

3.4 Diese Primitiv-Slogans waren wirkungsvolle Ausgangspunkte und Konzentrationspunkte für die Hetze der beiden einflussreichsten ideologischen Antisemiten dieser Zeit:

3.4.1 Adolf Stoecker (1835-1909), ev. Hofprediger, Sozialpolitiker, 1880 Gründer der "Berliner Bewegung" (löste sich 1890 auf), sozialkonservativ, enge Verbindung mit der christlich-sozialen Arbeiterpartei und der deutsch-konservativen Partei, mit antisemitischen, antisozialistischen und antikapitalistischen Parolen arbeitend. Stoecker ging von der Ablösung des Judentums durch das Christentum aus, eine Lehre, die sich bis heute im christlichen Raum in der unbiblischen sog. "Enterbungs-Lehre" vorfindet. Er verschärfte diese uralte und weitverbreitete Auffassung dadurch, dass er die g’ttliche Verwerfung des Judentums lancierte. Damit war jeder jüdische Einfluss, ja jede Beteiligung von Juden an der Zukunftsgestaltung quasi eine vollzogene G’tteslästerung. Der jüdische Einfluss musste demzufolge radikal begrenzt werden. Stoecker wollte deshalb folgende antisemitischen Forderungen politisch durchsetzen: Begrenzung der Anzahl jüdischer Richter – keine jüdischen Lehrer – Verbot jüdischer Einwanderung - Einführung einer besonderen Judenzählung – Ausschluss der Juden aus verantwortlichen Regierungs-Positionen. Letztlich war damit die Aufhebung der Emanzipation jüdischer Mitbürger gefordert. Das wurde nun auch zum Handlungsziel der politischen Antisemiten. 
Stoecker wollte christliche Sozialarbeit mit antisemitischer Einstellung. Dieser Ansatzpunkt ist seither immer wieder zu erkennen: Antisemiten stellen sich mithilfe ihres sozialen Einsatzes als Menschenfreunde und Wohltäter dar. So errangen die Nazis soziale Achtung und politischen Einfluss. Ebenso verfährt die Hamas im Gaza-Streifen und in Judäa und Samaria unter Führung der Palästinensischen Autonomiebehörde und die Hisbollah in Libanon, Al Kaida in Afghanistan und Pakistan. Die meisten Diktatoren starten als Sozialreformer und Sozialwohltäter, um die Bevölkerungsbasis für ihre Machtübernahme vorzubereiten.

3.4.2 Eugen Karl Dühring (1833-1921) bekannter Nationalökonom, kritischer Materialist, antimarxistischer Sozialist, Philosoph und vor allem Antisemit. Döhring behauptete, dass nur durch eine spezielle antijüdische Gesetzgebung der jüdische Einfluss noch abgefangen werden könnte. Im Grunde bestritt er den Juden das Existenzrecht überhaupt, und zwar unter anderen Völkern wie in einem eigenen Staat, also total und damit tödlich. Im letzten Absatz von Dührings Schrift "Die Judenfrage" von 1880 wird das unmissverständlich klar (Jacob Katz S.276). Es ist damit berechtigt, in Dühring den Prototypen des Nazi-Antisemiten zu sehen. Indem Dühring der Rassenidee eine zentrale Rolle gab, ist implizit der unveränderbare Charakter der jüdischen Mentalität behauptet (Katz a.a.O.).
Über der Stellung zu getauften Juden trennten sich die Überzeugungen Stoeckers und Dührings. Für Dühring war die Taufe nebensächlich. Er ging von der Rasse aus und die liegt in den Genen, kann nicht verändert werden. Für Stoecker als Mann der Kirche - G’tt seis geklagt! - dagegen bestand der entscheidende Unterschied zwischen Jude und Christ, der durch eine Bekehrung zum Christentum überwunden werden konnte. Deutlich ist: Der gesellschaftliche Erfolg und das Ansehen des Antisemitismus durchdrang die verschiedensten Schichten und Kreise der Gesellschaft gerade auch auf der breiten Volks-Kirchenbasis.

3.5 Aber jede Gruppe von Antisemiten fügte zur antisemitischen Idee ihre eigene gesellschaftliche Sicht, ihre wirtschaftlichen Interessen und religiösen Lehren hinzu. Diese Differenzen kamen immer dann zum Vorschein, wenn Zusammenarbeit dieser Gruppen gefragt war. Und dann zeigte sich: Eine Vereinigung aller Parteien und gesellschaftlich-politischen Kräfte auf der Grundlage des Antisemitismus war zu diesem Zeitpunkt noch unmöglich. Allerdings setzten sich die antisemitischen Vorurteile in der deutschen Gesellschaft unausrottbar fest. 
Als Vereine, Parteien und Studentenverbindungen, die eigentlich neutrale soziale Ziele verfolgten, in ihre Verfassungen Klauseln einfügten, Juden von der Mitgliedschaft auszuschließen, war der praktischen Diskriminierung Tor und Tür geöffnet. Die politisch-scheinlegale öffentliche Diskriminierung würde irgendwann folgen, das war zu befürchten. Bis dato, vorläufig aber ist die gesellschaftliche und politische Isolation von Juden in Deutschland festzustellen. Denn auch die Parteien scheuten nun davor zurück, jüdische Kandidaten zur Wahl aufzustellen, jedenfalls die staatstragenden Parteien der Mitte, die konservativen ja sowieso. Mit dem faktischen Ausschluss der Juden aus den Leitungsgremien der staatstragenden Parteien aber wurde eine spontane Konzentration von Juden auf das linke Parteien-Spektrum veranlasst, eine gefährliche gesellschaftlich-staatliche Trennung hatte stattgefunden. Antisemitische Propaganda völkischer Parteien, Katholiken wie Protestanten, allgemein konservativer und religiöser Staatsbürger, das wurde nun zur propagandistischen Waffe im Kampf gegen Linke und Liberale. Antisemitismus wird ein Markenzeichen von Mitte bis Mitte-Rechts!
Dennoch erreichten die Antisemiten ihr Hauptangriffsziel noch nicht: Nämlich die Aufhebung des jüdischen Bürgerrechts, das sie mit anderen Bürgern gleichstellte. Aber ein weitgehender gesellschaftlicher Ausschluss der Juden und ein gewisses Maß an wirtschaftlichem Druck erzielte die antisemitische Propaganda doch. Dieser Druck führte dazu, dass es bald noch mehr jüdische Ärzte, Juristen und Finanz-Fachleute gab als vorher, weil praktisch allein diese Karrieren den deutschen Juden noch offenstanden. So aber verstärkte sich die Konfrontation mit jedem erfolgreich beendeten Studium, mit jedem vor Gericht gewonnenen Prozess, mit jeder Erfindung, mit jedem "jüdischen" Professor. Das wurde nun der ständige äußere, konkrete Anlass zur Juden-Diskriminierung.

3.6 Der ständige innere Anlass war die Verbindung der Judenablehnung mit dem Kern des Christentums: Die Ablehnung der Messianität JESU von Nazareth und daraus resultierend das Betreiben seiner Tötung durch damalige jüdische Volksvertreter und die vermeintliche Verwerfung der Juden durch G’tt selbst, war seit fast zwei Jahrtausenden christliche Allgemein-Einstellung. An diesen gefühlsmäßig aufgeladenen Verurteilungen änderte sich durch die Jahrhunderte christlicher Geschichte kaum etwas. Der christliche Antisemitismus aber anerkannte ein rettendes Element für Juden: Die Bekehrung zum Christentum war das Schlupfloch. Diese Rettungsmöglichkeit wurde aufrecht erhalten, weil sie in dem Glauben gründete: Juden müssen sich zum Messias JESUS bekehren. Nur ein zum christlichen Messias bekehrter Jude ist ein guter Jude. Von dieser unbiblischen Voraussetzung gehen auch heute noch viele, besonders ernsthafte Christen aus. Das heißt jedoch: Für eine Tolerierung der Juden ist in christlich geprägten Gesellschaftsformen eigentlich kein Raum. Ja, die antisemitischen Vorurteile überleben sogar, wenn das Christentum seinen prägenden gesellschaftlichen Einfluss eingebüßt hat, wie bereits in unserem sog. "Christlichen Abendland" geschehen.

4. Die Akzentuierung des Antisemitismus durch die Rassentheorie und den Zionismus
Zwei Aspekte haben den modernen Antisemitismus entscheidend akzentuiert: Die Rassentheorie als scheinwissenschaftliche Methode und der moderne Zionismus, verschärft seit der Gründung des Staates Israel.

4.1 Durch die Rassentheorie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts die Verurteilung von Juden und Judentum aus diesem ursprünglich religiösen Rahmen in einen angeblich wissenschaftlichen-biologischen Kontext übertragen. Seitdem gab es das "rettende Schlupfloch für Juden" nicht mehr, es fehlte nur bis 1935 die schein-rechtliche und politische Umsetzung der Diskriminierung. Das geschieht durch die sog. Nürnberger Gesetze. Durch sie ist rechtlich-juristisch Mensch nicht gleich Mensch. Es gibt Herrenmenschen, Menschen und Untermenschen, je nach Rasse, der man nach zweifelhaften Kriterien zugeordnet ist. Aber nicht erst die Nürnberger Gesetze von 1935 unterschieden zwischen Menschen und Menschen. Bereits das Erbgesundheitsgesetz vom 14.7.1933, ein halbes Jahr nach der Machtergreifung Hitlers führt für unzählige kranke, behinderte, kleinwüchsige Menschen aus "rassehygienischen" Gründen zur Sterilisation, Verfolgung und später auch zur Ermordung, um – wie es im "Sauber-Deutsch" hieß, "den Volkskörper zu reinigen". Unter der irreführenden Bezeichnung "Euthanasie" wurden Tausende pflegebedürftige Menschen, insbesondere geistig Behinderte, ermordet, im sog. "Altreich" allein 60-80 Tausend ("Aber Hitler hat doch...", S.50)

4.2 Seit 1948 der Staat Israel gegründet wurde, werden Juden nicht nur mit ihrem jeweiligen Land, sondern auch mit Israel und seiner Politik identifiziert. "Darum können sie auch dort, wo ihre Beziehung zu Nichtjuden frei von Diskriminierung ist, wegen ihrer Verbindung mit dem Staat Israel das Ziel von Angriffen und Verdächtigungen werden." (Jacob Katz S.329) Angriffe auf und Verurteilungen des Staates Israel und seine Verhaltensweisen in den nahöstlichen Konflikten zeigen überall auf der Welt an: Die antisemitischen Einstellungen haben überlebt und brauchen oft nur einen banalen, einen falsch berichteten Anlass, ein frisiertes Bild, um massiv auszubrechen. Jacob Katz (S.330) fragt: Sind diese jüngsten Varianten der Judenfeindlichkeit Nachbeben vergangener Erschütterungen oder Vorzeichen neuer, noch umfassenderer Ausbrüche?

5. Religion als alles entscheidender Faktor
Ich fasse zusammen mit drei Szenen aus der Hitlerzeit, die erst im Rückblick ihre eigentliche Bedeutung erscheinen lassen. Sudhir Kakar stellt in seinem Buch "Die Gewalt der Frommen" (S.295) fest: "Damit es zum Ausbruch von Gewalt kommt, muß bei einer Vielzahl von Menschen die kommunale Identität die persönliche Identität überschwemmen…". Die dann entstandene gemeinsame Identität wird nun als gefährlich bedroht wahrgenommen, dann entwickeln sich unkontrollierbare Verfolgungsängste. Steigern sie sich aufgrund von Gerüchten und werden sie von religiösen Demagogen angeheizt, so signalisieren sie die Auslöschung der Gruppenidentität. Das aber will die Gruppe auf keinen Fall zulassen. Sie ergreift nun jede Möglichkeit, ihre eigenen Rechte gegen ihre "Feinde" durchzusetzen.

Den demagogischen Aufputsch erledigten in der Nazi-Zeit der "Stürmer" von Julius Streicher, die Nürnberger Parteitage und alle Massenveranstaltungen des Dritten Reiches. Aber erst Religion verleiht Konflikten größere emotionale Intensität und tiefer motivierte Triebkraft, mehr als es Sprache, Region oder andere Kennzeichen ethnischer Identität tun (Kakar S.295f.). Die religiöse Rechtfertigung ist der krönend-teuflische Ausgangspunkt für rassische Verbrechen, weil Religion an fundamentale Werte rührt und unsere heftigsten Leidenschaften freisetzt. Der Wahn wird religiös eingefärbt und bekommt Methode. Dann kennt er zu seiner Realisierung keine ethischen, keine humanen Grenzen mehr.

Die Nazi-Religion, die diese Enthemmung alles Humanen bewirkte, entwickelte ein Gefreiter des 1.Weltkrieges, der lange Jahre als entlaufener Österreicher im Status eines staatenlosen Ausländers zwischen 1925 und 1932 in Deutschland agitierte. Hitler erwirbt erst im Alter von 42 Jahren, am 26. Februar 1932, durch Ernennung zum Braunschweigischen Regierungsrat die deutsche Staatsangehörigkeit – knapp ein Jahr vor seiner Ernennung zum Reichskanzler (Schwarz S.300).
Albert Speer, Hitlers Monumental-Architekt, berichtet von einer triumphalen Fahrt durch Thüringen im Herbst 1934. Hitler genoss das, gab Autogramme und rief Speer schließlich zu: "So wurde nur ein Deutscher bisher gefeiert, Luther! Wenn er über das Land fuhr, strömten von weitem die Menschen zusammen und feierten ihn. Wie heute mich!" (referiert nach Hans-Peter Schwarz „Das Gesicht des Jahrhunderts, S.309) Hier gibt es vom Antisemitismus Luthers direkte Verbindungslinien zu Hitler!
Schwarz (S.309-312) stellt dann fest: "Später…ist er (Hitler) immer noch geneigt, sich mit großen Religionsgründern zu vergleichen. Wiederum war es Albert Speer, der sich an ein nächtliches Gespräch im Führerhauptquartier in Winniza in der Ukraine zu erinnern wußte, bei dem Hitler gegen einen Vergleich mit dem Propheten Mohammed nichts einwenden wollte. Dieser sei der Schöpfer eines neuen Glaubens gewesen, zugleich der Gründer eines Weltreiches…" Während Luther nie direkte politische Gewalt ausübte, ist Mohammed ja der siegreiche politisch-militärische Führer und Ausgangsperson für ein religiöses, auf Weltherrschaft drängendes Reich. 
Deutlich wurde dieser Nazi-Traum auch am Arrangement der Reichsparteitage in Nürnberg. "Als Hitler nach dem Ende des Parteitages 1938 mit Speer noch einmal den ganzen Ablauf durchsprach, da machte er deutlich, was seines Erachtens eine endgültige Form angenommen habe und nun zum ‚unabänderlichen Ritus‘ werden sollte. ‚Lange hatte ich immer geglaubt,‘ so erinnerte sich Speer später, ‚daß alle diese Aufmärsche, Umzüge, Weihestunden Teil einer virtuosen propagandistischen Revue seien; jetzt wurde mir klar, daß es für Hitler fast um die Gründung einer Kirche ging.‘" (Speer, Spandauer Tagebücher, S.403)

Hitler verstand sich also als G’ttgesandter, als Prophet, als messianischer Vollstrecker und Vollender alles dessen, woran JESUS von Nazareth am Kreuz auf Golgatha, Mohammed und sein islamisches Weltreich bisher und auch die lutherische Reformation augenscheinlich gescheitert waren. Hitler war besessen von einem religiös-messianischen Sendungsbewusstsein
Vulgär-Darwinismus und Rassenwahn ließen in der Krisenzeit der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts eine Nazi-Religion entstehen, die sich aus christlichen Antisemitismen aufbauen konnte. Nachdem die "Volksseele" – christlich und unchristlich – antisemitisch besetzt war, lauerte die Katastrophe vor der Tür. Die neuzeitliche Verbindung zwischen dem antisemitisch-christlichen Wurzelgeflecht und der schein-wissenschaftlichen Rassentheorie hat ihre teuflische Vollendung dann im Nazi-Programm zur Ausrottung der "jüdischen Rasse" erfahren.

Es gibt Anzeichen dafür, dass wirtschaftliche Krisen, Bankrott gesellschaftlicher Werte, gesellschaftliche Psychosen heutigen Demagogen wieder die Tür öffnen könnten zu neuem, diesmal vielleicht sogar globalem Antisemitismus. Wird auch die aktuelle Verbindung des nach wie vor wirksamen antisemitisch-christlich-kulturellen Wurzelgeflechts in der "Volksseele" mit einem aggressiven Anti-Israelismus eine endzeitlich-teuflische Vollendung erfahren? Der akute Auslöser könnten heute Aktionen der israelischen Armee sein, wie wir es vor drei Monaten bei dem Propaganda-Bluff der "Gaza-Blockadebrecher" erlebt haben. 
Eine weltweite antisemitische Front könnte wie aus dem Nichts heraus sich wieder in unserer Welt aufbauen. Die Fixpunkte dafür sind bereits in den internationalen Organisationen, vor allem der UNO-Vollversammlung und der UNO-Kommission für Menschenrechte vorhanden. In der internationalen Völkergemeinschaft von UNO und EU, in den weltweiten Medien-Kampagnen mit Bildern und Kommentaren, aber dadurch ausgelöst auch in den Köpfen und Herzen von Menschen aller Gesellschaftsschichten der westlichen Welt bricht sich vielleicht eine Art von Israel-Wahn Bahn, der brandgefährlich, hochexplosiv und massen-tödlich wirken könnte.  
Das droht auch deshalb, weil die Israel-Feindlichkeit der Weltreligion Islam seit Gründung des Staates Israel sich fast täglich dokumentieren lässt. Der Islam befindet sich in einem Djihad gegenüber dem Judenstaat und versucht mithilfe des christlichen Abendlandes die Weltgeschichte zurück zu drehen. Sollte ihm das gelingen, wäre dessen nächste Stufe allerdings der Djihad auch gegen die Christenheit. Die palästinensische Parole tönt bereits aus Israel herüber: "Am Shabat schlachten wir die Juden, am Sonntag die Christen."

Hier stehen wir vor lebensentscheidenden Bewährungsproben für die Demokratie wie für die biblischen Religionen, wir Juden und Christen des 21. Jahrhunderts. Unsere demokratischen Institutionen haben – was ihre Entscheidungen angeht – zunehmend Legitimations-Probleme in der breiten Bevölkerung. Das zeigt im Augenblick die Debatte um Thilo Sarazin ganz klar! Wenn – wie wiederholt in den letzen Jahren und zuletzt vor 14 Tagen geschehen – das Bundesverfassungsgericht Neo-Nazi-Demonstrationen genehmigt und die Polizei im Vollzug demokratische Gegen-Demonstranten statt verfassungsfeindliche Neo-Nazis in die Schranken weisen muss, dann haben wir ein gewaltiges Problem. Kritisch wird es allemal, wenn der Wahn methodisch-straff organisiert und medien-technisch "augepeppt" wird und so auf "eingefleischte" Vorurteile trifft. Dann entsteht eine gefährliche Breitenwirkung. 
Wir müssen gegenüber neuen Wirkungsmechanismen neue Verhaltensmuster etablieren aus unseren biblischen Werten. Der "Empörungs-Wettbewerb" der politischen-ideologischen Akteure (Hamed Abdel-Samad in Focus 36/10) und das unreflektierte, medial aber 1000-fach gespiegelte sog. "Volksempfinden" sind äußerst gefährliche Katalysatoren. Wir dürfen auf die Wahrheitsfrage in diesen Prozessen auf keinen Fall, zu keiner Zeit verzichten! Und wir haben akribisch genau darauf zu achten, ja dagegen zu kämpfen, dass Unwahrheiten zur Methode werden und volksbreite "Bewegungen" auslösen, also massen-zerstörerisch wirken.

Krisen sind dabei entscheidende Zeiten. Bei einem aufgeweckten, kämpferischen Eintreten für biblische Werte, sind sie positiv geschenkte Möglichkeiten zur Veränderung der Welt. Bei passiv-fatalistischer Einstellung verstärken sie den Abwärts-Trend zum Welt-Chaos .
Als Christen aber – und mit dieser Mahnung beschließe ich meine Gedanken - müssen wir uns fragen, wie wir judenfeindliche biblische Auslegungen in unseren Gemeinden und Gemeindekreisen radikal entlarven, brüderliches Vertrauen zu jüdischen Mitbürgern verstärken, um mit ihnen gemeinsam den biblischen G’tt zu loben und sehnsüchtig miteinander auf den Messias Israels zu warten. Alle selbst angefangenen oder durch Christen bezahlten Missionsbemühungen gegenüber Juden jedenfalls spielen untergründig und offensichtlich alten Vorurteilen und Feindbildern in die Hände, vergeuden Ressourcen, die dringend zur Weltveränderung nach G’ttes Willen benötigt werden und sind contra-produktiv für einen Vertrauensaufbau.
Der HERR des Kosmos und der Geschichte aber, der ewige und barmherzige G’tt, vollende Seine Wege des Heils an den Kindern Israel wie an der christlichen Gemeinde!

Genutzte Literatur:

Bernd OGAN / Carlo JAHN: "Aber Hitler hat doch…" - Sieben Legenden über das Dritte Reich; Pädagogisches Institut der Stadt Nürnberg; Nürnberg 1996.
Eduard GUGENBERGER: Hitlers Visionäre - Die okkulten Wegbereiter des Dritten Reichs; Wien 2001.
Sudhir KAKAR: Die Gewalt der Frommen - Zur Psychologie religiöser und ethnischer Konflikte; München 1997.
Jacob KATZ: Vom Vorurteil bis zur Vernichtung, der Antisemitismus 1700-1933; Berlin 1990.
Arno KLÖNNE: Jugend im Dritten Reich - Die Hitlerjugend und ihre Gegner; Köln 2003.
Wilhelm REICH: Die Massen-Psychologie des Faschismus; Wiesbaden 2005.
Klaus SCHOLDER: Die Kirchen zwischen Republik und Gewaltherrschaft - Gesammelte Aufsätze; Berlin 1988.
Hans-Peter SCHWARZ: Das Gesicht des Jahrhunderts - Monster, Retter und Mediokritäten; TB Januar 2001; Goldmann 15087.
Pat SHIPMAN: Die Evolution des Rassismus - Gebrauch und Mißbrauch von Wissenschaft; Frankfurt am Main 1995.
Arbeitshefte und Unterrichtsmodelle: Kirche im Dritten Reich - Zwischen Wahn und Wahrheit, Zwischen Schuld und Widerstand, Zwischen Anpassung und Verfolgung; Lahr 1984.

 



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